{"id":16805,"date":"2018-04-05T09:25:35","date_gmt":"2018-04-05T07:25:35","guid":{"rendered":"http:\/\/staging-sociusalt.socius.de\/?p=16805"},"modified":"2019-02-21T17:38:48","modified_gmt":"2019-02-21T16:38:48","slug":"selbstbewusste-gemeinwohlorientierung-eine-haltungsveraenderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/staging-sociusalt.socius.de\/en\/selbstbewusste-gemeinwohlorientierung-eine-haltungsveraenderung\/","title":{"rendered":"Organisationen anders erleben \u2013 eine Haltungsver\u00e4nderung"},"content":{"rendered":"[et_pb_section bb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;3.0.105&#8243;][et_pb_row _builder_version=&#8220;3.0.105&#8243;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.19.15&#8243;]\n<p>Autor: <a href=\"http:\/\/staging-sociusalt.socius.de\/simon-mohn\/\">Simon Mohn<\/a><\/p>\n[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][et_pb_row _builder_version=&#8220;3.0.105&#8243;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.19.15&#8243;]\n<p>J\u00fcngst hat sich die Sozialpsychologie mit bestimmten Einstellungs- und Haltungsfragen besch\u00e4ftigt, die bisher eher dem Bereich der Religionen oder philosophischen Str\u00f6mungen zugerechnet wurden. Konkret geht es um das Begriffspaar &#8222;Freigiebigkeit und Dankbarkeit&#8220;. Durch neue Abhandlungen, die losgel\u00f6st von religi\u00f6sen Kontexten ver\u00f6ffentlicht wurden und werden, kommen nun erstaunliche Ergebnisse zustande, die f\u00fcr die Organisationsentwicklung in Zeiten von Laloux\u2019 <em>Reinventing Organizations<\/em> eine gro\u00dfe Bedeutung entwickeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Die Zukunft von Organisationen \u2013 eine Haltungsfrage?<\/h2>\n<p>Das Einnehmen einer Haltung von Freigiebigkeit und Dankbarkeit macht nachgewiesenerma\u00dfen n\u00e4mlich nicht nur das Erleben des eigenen Lebens sehr viel sch\u00f6ner, es bewirkt auch in starkem Umfang eine Steigerung von Selbstwertgef\u00fchl, Urvertrauen (hilfreich in der Strategiearbeit, <a href=\"evolutionaere-strategie-wie-geht-steuerung-im-sense-respond-modus\/\">s. Blogartikel von Andreas Knoth<\/a>), Hilfsbereitschaft, Optimismus, wertsch\u00e4tzendem Umgang miteinander, Resilienz, Selbstwirksamkeit, gesunder Lebensf\u00fchrung, Gelassenheit und weiteren, um nur ein paar zu nennen (s. zusammenfassend <a href=\"https:\/\/greatergood.berkeley.edu\/article\/item\/why_gratitude_is_good\">Emmons<\/a> und <a href=\"https:\/\/greatergood.berkeley.edu\/article\/item\/5_ways_giving_is_good_for_you\">Suttie &amp; Marsh<\/a>).<\/p>\n<p>All das sind gute Voraussetzungen, um mit neuen Organisationsformen zu experimentieren, in denen der ganze Mensch herausgefordert und miteinbezogen wird. Der interessante Punkt f\u00fcr die Organisationsentwicklung ist dabei, dass sich eine solche Haltung verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig einfach kultivieren und einnehmen l\u00e4sst und zudem auch noch ansteckend ist.<\/p>\n<p>Durch eigenes Experimentieren mit dieser Haltung kann ich viele oben genannten Befunde best\u00e4tigen. Ich habe tats\u00e4chlich sehr viel mehr Freude, gerade an den T\u00e4tigkeiten gefunden, die ich weniger gerne mache, f\u00fchle mich einfach durch meine ver\u00e4nderte Haltung sehr viel wohler und getragener, meine Ideen sprudeln und ich komme leicht in die Umsetzung. Ich bin bereiter, Unterst\u00fctzung anzunehmen und habe daf\u00fcr sehr viel mehr zu geben.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h1>Wieso schreibe ich \u00fcber dieses Thema?<\/h1>\n<p>Seit ich im Sommer 2017 bei SOCIUS als Trainee angefangen habe, wollte ich dem Wunsch nachgehen, meine zuvor geschriebene Masterarbeit in einen Organisationskontext zu betten und sehen, was ich an Relevantem daraus in meine Arbeit \u00fcbersetzen k\u00f6nnte. In dieser Masterarbeit ging es um die Frage, wie es gelingt, Liebe als Haltung und Qualit\u00e4t in Begegnungen zu kultivieren, ja, sie in uns selbst zu verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>Einer der f\u00fcr mich entscheidendsten Aha-Momente war es bei dieser Auseinandersetzung, dass der Ausdruck von Liebe etwas Aktives ist, und zwar, dass sie im Geben von Herzen bzw. Schenken ihren Ausdruck findet (gelesen hatte ich davon zuerst in Erich Fromms <em>Die Kunst des Liebens<\/em> von 1956). Diese Deutung hatte mich sofort fasziniert.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Recherchen und der Bearbeitung des Themas dachte ich lange Zeit, dass wir uns einfach in Freigiebigkeit und Schenken \u00fcben m\u00fcssten und sich unsere Haltung zur Welt damit allein ver\u00e4ndern w\u00fcrde (Schenken k\u00f6nnen wir wohlgemerkt nicht nur Materielles, sondern auch unseren Einsatz, Aufmerksamkeit, aufbauende Worte, gemeinsame Zeit usw. usf.). Erst gegen Ende meiner Forschung stolperte ich \u00fcber zwei Umst\u00e4nde, die ich \u00fcbersehen hatte:<\/p>\n<ol>\n<li style=\"padding-left: 30px;\"><strong>Schenken ist nicht gleich Schenken<\/strong> \u2013 wir haben eine Menge Beweggr\u00fcnde, etwas herzugeben und viele unserer Geschenke und Gaben fallen nicht in den engeren Begriff von Geschenk, da wir sie mit bestimmten Erwartungen verkn\u00fcpfen. Schenken ist in sich eine Freude und ist insofern frei von Erwartungen an den\/die Beschenkte*n. Es befriedigt unser ureigenes Bed\u00fcrfnis, etwas von dem zu geben, wovon wir genug zu geben haben.<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\"><strong>Freigiebigkeit steht mit Dankbarkeit in einem sich bedingenden Verh\u00e4ltnis<\/strong> \u2013 sich alleine in Freigiebigkeit zu \u00fcben ist nur eine Seite der Medaillie. Im schlechtesten Falle leben wir einen Helfer*innentypus aus, der die eigenen Bed\u00fcrfnisse nicht erkennt und sich stattdessen f\u00fcr andere aufopfert. Eine Haltung von Freigiebigkeit entsteht parallel zum Akzeptieren unserer Einbettung in unsere Umwelt und dem dankbaren Annehmen all dessen, was uns Wertvolles wiederf\u00e4hrt (und Erkennen des Wertes dessen, was wir schon haben).<\/li>\n<\/ol>\n<p>Im Laufe der Recherchen f\u00fcr diesen Artikel und f\u00fcr die dazugeh\u00f6rige Laborveranstaltung, habe ich mich insbesondere dem zweiten Punkt intensiver angenommen. Dabei ist mir das erstaunliche Potential erst klargeworden, das in einer freigiebigen und dankbaren Haltung steckt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h1>Schenken macht gl\u00fccklich, wenn wir genug zu schenken haben<\/h1>\n<p>Sozialpsychologische Studien (s. Anik et al. 2009) haben mit Experimenten belegt, dass es uns Menschen gl\u00fccklich macht, wenn wir anderen etwas schenken k\u00f6nnen, von dem wir genug zu geben haben. Einer Gruppe Proband*innen wurde Geld in die Hand gegeben, mit dem Auftrag, mit diesem Geld anderen etwas Gutes zu tun. Eine zweite Kontrollgruppe bekam das Geld mit dem Auftrag, sich selbst etwas Gutes tun. Diejenigen, die das Geld f\u00fcr andere einsetzten (deren Essen bezahlten, es f\u00fcr gemeinn\u00fctzige Zwecke spendeten etc.) waren nach dem Experiment signifikant gl\u00fccklicher als diejenigen, die das Geld f\u00fcr sich selbst eingesetzt hatten. Da das Geld zweckgebunden und zus\u00e4tzlich zum eigenen Geldbeutel war, wurde die Freigiebigkeit nicht als Verlust erlebt.<\/p>\n<p>In der Folge wurde einer weiteren Gruppe Proband*innen sogar vorab gesagt, dass sie das Experiment machen w\u00fcrden, weil es sie gl\u00fccklich machen w\u00fcrde, Geld f\u00fcr andere auszugeben. Der &#8222;Altruismus-Auftrag&#8220; war also als absoluter Selbstzweck angelegt. Das gesteigerte Gl\u00fccksempfinden lie\u00df sich von diesem Wissen allerdings nicht korrumpieren, die Proband*innen kamen gleichsam gl\u00fccklicher von ihrem Auftrag zur\u00fcck, weil sie es per se als sch\u00f6n empfunden hatten, anderen eine Freude zu machen.<\/p>\n<p>Wenn wir uns also selbst gl\u00fccklich machen k\u00f6nnen, indem wir anderen etwas von uns schenken (die meisten werden das intuitiv wissen, gut sp\u00fcrbar ist das etwa in ehrenamtlicher T\u00e4tigkeit), scheint es sinnvoll, viel von dem zu geben, wovon wir genug haben.<\/p>\n<h2>Was wir haben, entscheidet unser Fokus<\/h2>\n<p>So weit so gut. Nun ist es aber sehr g\u00e4ngig, dass wir uns auf das fokussieren, wovon wir <em>nicht<\/em> genug haben. Anerkennung, Status, Ehre, Reichtum, Wissen, Entwicklung, Wertsch\u00e4tzung, Macht, Beziehungen und all das andere wonach wir streben, r\u00fchren meist aus dem Gef\u00fchl, nicht genug davon zu haben. Wenn wir mit dieser Brille etwas genauer hinschauen, werden wir das Streben aus einem Gef\u00fchl heraus, nicht genug zu haben sowohl in unserem Verhalten leicht entdecken, wie auch im Verhalten anderer. Dass dieses Spiel genauso im Arbeitskontext vorkommt, liegt auf der Hand.<\/p>\n<p>Frederick (Fritz) Perls, Begr\u00fcnder der Gestalttherapie, hat dazu eine sehr wichtige Bemerkung gemacht:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Perls schrieb, dass unser Hunger nach etwas, wovon wir meinen, nicht genug zu haben, niemals mit dem Objekt unser Begierde selbst gestillt werden kann. Wer nach Anerkennung strebt, wird trotz h\u00f6chster Anerkennung nie genug davon haben k\u00f6nnen; wer nach Reichtum strebt wird auch als reichster Mensch der Welt nicht genug haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Laut Perls w\u00e4re solchen uners\u00e4ttlichen Mangelbed\u00fcrfnissen nur durch (psychotherapeutische) Aufarbeitung der zugrunde liegenden Erlebnisse beizukommen. Ich glaube allerdings, dass es einen weiteren Weg gibt und Organisationen eine gro\u00dfe Rolle dabei spielen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h1>Was ist ein Geschenk?<\/h1>\n<p>Charles Eisenstein, ein zeitgen\u00f6ssischer Kulturphilosoph, hat in einem Buch \u00fcber Geld (<em>Sacred Economics<\/em>) eine mitrei\u00dfende Antwort auf die Frage gegeben, was ein Geschenk zu einem Geschenk macht und wie das au\u00dferdem mit der Empf\u00e4nger*innenseite zusammenh\u00e4ngt. Eisenstein h\u00e4lt uns vor Augen, dass wir mit dem Beginn unseres Lebens eine Menge Geschenke erhalten, die keinerlei Verpflichtung mit sich bringen, etwas zur\u00fcckzugeben.<\/p>\n<p>Wir werden v\u00f6llig hilflos geboren und sind auf andere angewiesen. Neben dem Geschenk des Lebens bekommen wir viel F\u00fcrsorge, zu Essen und zu Trinken, Sicherheit, Zeit und Einsatz etc., bis wir immer selbstst\u00e4ndiger werden. Eigentlich w\u00e4re unser nat\u00fcrlicher Zustand also Dankbarkeit. Denn wir bekommen, kritisch betrachtet, eine ganze Menge von unserer Umwelt ohne daf\u00fcr eine konkrete Gegenleistung bringen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>All diese Geschenke zielen auf unsere Bed\u00fcrfnisse ab. Darin zeigt sich eine entscheidende Facette des Schenkens: Schenken folgt dem Prinzip &#8222;mehr f\u00fcr mich ist mehr f\u00fcr dich&#8220;, es ist ein selbst-transzendierender Akt, indem das Eigene auf den\/die Andere*n ausgeweitet wird. Beide Seiten profitieren von einem Geschenk. Die Geber*innenseite, weil sie Freude am Schenken empfindet und die Nehmer*innenseite, weil ein Bed\u00fcrfnis befriedigt wird. Dar\u00fcberhinaus ist der Akt selbst etwas Verbindendes. Schenken ist also nicht selbstlos sondern eher selbst-erweiternd, geteilte Freude.<\/p>\n<h2>Zwei Seiten machen ein Geschenk erst m\u00f6glich<\/h2>\n<p>Beide Seiten haben eine Aufgabe, damit das Geschenk zum Geschenk wird. Wer schenkt, hat dies frei und ohne Erwartungen auf Gegenleistung zu tun. Wenn ich etwa einen Kollegen mit meinen F\u00e4higkeiten und meiner Zeit unterst\u00fctze und das als Selbstzweck gerne tue, kann ich von einem Geben von Herzen sprechen. Wenn ich daf\u00fcr ein Dankesch\u00f6n erwarte oder eine Lobpreisung meines Einsatzes, geht es mir wohl eher um einen Austausch. Selbstverst\u00e4ndlich ist ein Dankesch\u00f6n wichtig, denn es zeigt uns, ob unser Geschenk ein Bed\u00fcrfnis befriedigen konnte. Doch es ist nicht der Zweck unseres Handelns.<\/p>\n<p>Die Geber*innenseite wiederum hat die Aufgabe, das Geschenk wahrlich anzunehmen, was bedeutet, sich nicht selbst zu irgendetwas zu verpflichten, sondern das Geschenk in Dankbarkeit anzunehmen. Werde ich also beispielsweise zum Essen eingeladen und kann mich dar\u00fcber freuen und dankbar sein, habe ich dieses Geschenk wahrlich angenommen. Verpflichte ich mich, mein Gegen\u00fcber beim n\u00e4chsten mal einzuladen oder interpretiere ich die Einladung als Teil eines Handels, weil mein Gegen\u00fcber etwas von mir im Ausgleich daf\u00fcr will, ist es mir nicht gelungen, das Geschenk wahrlich anzunehmen.<\/p>\n<h2>Wir dr\u00fccken uns gerne \u2013 vor dem Schenken und vor dem Empfangen<\/h2>\n<p>Interessanterweise ist es recht g\u00e4ngig, sich vor Akten des Schenkens zu dr\u00fccken. Wir neigen dazu, Angebote auszuschlagen, obwohl wir sie gerne annehmen w\u00fcrden. Wir wollen unmittelbar Ausgleich schaffen f\u00fcr irgendetwas, das jemand Gutes f\u00fcr uns getan hat. Wir entwerten unsere eigenen Geschenke mit &#8222;Das war doch gar nichts&#8220;, wenn sich jemand bei uns ehrlich bedanken m\u00f6chte usw.<\/p>\n<p>Eisenstein begr\u00fcndet das mit unserem Unbehagen vor Abh\u00e4ngigkeit, also nicht in jemandes Schuld stehen zu wollen oder andere in Verpflichtungen uns gegen\u00fcber zu bringen. Dies sei jedoch nur ein Ausdruck unserer Illusion, zu glauben, wir w\u00e4ren unabh\u00e4ngig in der Welt. Faktisch brauchen wir andere Menschen, brauchen Nahrung, brauchen Sicherheit, brauchen N\u00e4he und vieles mehr. Selbst wenn wir unsere ganze Zivilisation und was sie uns gibt wegdenken, brauchen wir immer noch die Natur und die Umwelt, um zu \u00fcberleben und au\u00dferdem jemanden, der uns letzteres beibringt.<\/p>\n<p>Wenn wir also beginnen zu sehen, dass wir von unserer Umwelt und unseren Mitmenschen abh\u00e4ngig sind, k\u00f6nnen wir dankbar annehmen, was uns alles gegeben wird. Und hierin liegt die erstaunliche Erkenntnis \u00fcber die Beziehung von Freigiebigkeit und Dankbarkeit:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Wenn wir bewusst Dankbarkeit f\u00fcr das empfinden, was wir alles bekommen (haben), entsteht in uns ganz nat\u00fcrlich und ohne Selbstverpflichtung der freie Wunsch, auch etwas von uns zu geben. Dankbarkeit ist demnach die Grundlage von <em>Frei<\/em>-giebigkeit.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h1>Die Bedeutung der Dankbarkeit<\/h1>\n<p>Die Aufl\u00f6sung uners\u00e4ttlicher Bed\u00fcrfnisse, wie oben von Fritz Perls beschrieben, kann meiner \u00dcberzeugung nach nicht nur mittels Aufarbeitung der psychologischen Wurzeln, sondern auch durch das Kultivieren von Dankbarkeit m\u00f6glich werden. Die Dankbarkeitsforschung, eine Partikularstr\u00f6mung der Positiven Psychologie, best\u00e4tigt diese Annahme auf eindr\u00fcckliche Weise.<\/p>\n<p>Allen voran hat Robert Emmons, Pionier der sozialwissenschaftlichen Dankbarkeitsforschung, in seinem Buch <em>Vom Gl\u00fcck, dankbar zu sein<\/em> von 2008 eine Menge Befunde zusammengetragen, welche Effekte eine dankbare (und freigiebige \u2013 die beiden sind nicht wirklich zu trennen) Haltung auf unser Leben hat. Das wurde in den folgenden Jahren um weitere Aspekte erg\u00e4nzt, sodass eine Aufz\u00e4hlung aller Effekte hier zu umfangreich w\u00e4re. Ich beschr\u00e4nke mich auf diejenigen, die ich f\u00fcr die Organisationsentwicklung f\u00fcr besonders wichtig halte.<\/p>\n<ul>\n<li style=\"padding-left: 30px;\"><strong>Gr\u00f6\u00dferes Wohlbefinden (physisch &amp; psychisch)<\/strong> \u2013 Dankbarkeit l\u00e4sst uns besser schlafen, macht uns weniger anf\u00e4llig f\u00fcr toxische Emotionen, sorgt f\u00fcr weniger k\u00f6rperliche Beschwerden, vermindert Depression, st\u00e4rkt das Immunsystem und sorgt beinahe automatisch f\u00fcr einen ges\u00fcnderen Umgang mit uns selbst (bessere Ern\u00e4hrung, mehr Fitness usw.). Denn wir f\u00fchren uns aus dieser Haltung heraus eher vor Augen, wie wertvoll wir f\u00fcr uns selbst sind, welches Geschenk unser K\u00f6rper ist und was unsere sozialen Kontakte f\u00fcr uns tun. Durch diese Wertsch\u00e4tzung verhalten wir uns automatisch anders und erleben h\u00e4ufiger angenehme Emotionen, Gl\u00fccksempfinden und Freude an dem, was wir tun.<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\"><strong>Gesteigertes Selbstwertgef\u00fchl<\/strong> \u2013 wird uns erst einmal bewusst, was wir im Alltag alles von anderen bekommen und gelingt es uns, diese Geschenke dankbar anzunehmen, gelangen wir unweigerlich zu der Schlussfolgerung: &#8222;Wenn andere so viel Gutes f\u00fcr uns tun, m\u00fcssen wir ja wirklich ganz sch\u00f6n wertvoll sein!&#8220; Diese Erkenntnis hat signifikante Auswirkungen auf unser Selbstvertrauen und Auftreten, ohne dass wir in Hybris verfallen (Dankbarkeit st\u00e4rkt n\u00e4mlich unsere Demut und sch\u00fctzt uns so vor Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung bzw. kann uns auf den Teppich zur\u00fcckholen).<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\"><strong>Gef\u00fchl von Urvertrauen<\/strong> \u2013 wenn wir all die sch\u00f6nen Dinge und Gesten, die uns allt\u00e4glich begegnen, als Geschenke verstehen, die wir nicht unmittelbar selbst herbeigef\u00fchrt haben, f\u00fchlen wir uns eher getragen in der Welt. Wir erkennen und f\u00f6rdern unser Netzwerk das uns tr\u00e4gt und auf das wir zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen, wenn wir Unterst\u00fctzung brauchen. Selbst in Krisen und Durststrecken f\u00fchlen wir uns dadurch weniger ausgeliefert und kommen besser damit zurecht, Stichwort: Resilienz.<\/li>\n<li style=\"padding-left: 30px;\"><strong>Erh\u00f6htes Selbstwirksamkeitsempfinden und Hilfsbereitschaft<\/strong> \u2013 k\u00f6nnen wir unsere Talente, F\u00e4higkeiten und unsere Zeit f\u00fcr das Wohl anderer einsetzen, so erleben wir uns als au\u00dferordentlich selbstwirksam. Oft macht es uns ohnehin Freude, unsere Begabungen einzusetzen und umso mehr, wenn auch andere davon profitieren k\u00f6nnen. Gleichzeitig inspiriert uns die Dankbarkeit f\u00fcr die Unterst\u00fctzung anderer zu eigener Freigiebigkeit und kooperativem Verhalten, sodass ein Kreislauf von\u00a0 gegenseitigem Geben und Nehmen in Gang gesetzt wird, der allen Seiten zugute kommt.<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Auswirkungen in Organisationen<\/h2>\n<p>Dass Organisationen vielf\u00e4ltig von einer solchen Haltung ihrer Mitarbeiter*innen profitieren, liegt aus meiner Sicht sehr nahe. Folgend skizziere ich nun einige vorstellbaren Auswirkungen, denn bisher ist das Thema in Organisationskontexten leider nur gering bis gar nicht beforscht:<\/p>\n<p>Es finden weniger Machtspiele statt und daf\u00fcr ensteht umso eher eine kooperative Arbeitshaltung. Es wird untereinander ausgeholfen und unterst\u00fctzt und die Menschen empfinden mehr Sinn in ihrer Arbeit, da sie ihren eigenen Beitrag deutlicher vor Augen haben und h\u00f6her wertsch\u00e4tzen k\u00f6nnen. Statt konkurrierendem Verhalten wird eher auf Vernetzung und Austausch geachtet. Es wird einander inspiriert und die Atmosph\u00e4re ist freundlicher, wertsch\u00e4tzender und insgesamt angenehmer.<\/p>\n<p>Ges\u00fcndere Mitarbeiter*innen sind entsprechend seltener krank und energiegeladen. Projekte erfahren erfolgreichere Umsetzung, da sich die Beteiligten ihrer F\u00e4higkeiten bewusst und sicher sind. Unkonventionelle und kreative Vorschl\u00e4ge bekommen mehr Raum, da die Angst, damit abgestraft zu werden, sinkt. Au\u00dferdem wird die Au\u00dfenwirkung einer Organisation mit gl\u00fccklichen und selbstbewussten Mitarbeiter*innen eine andere sein, insbesondere dann, wenn den einzelnen deutlich wird, dass alle einen bedeutenden und gestaltenden Teil im Gesamtgef\u00fcge der Organisation darstellen.<\/p>\n<p>Die Arbeitsstelle wird weniger als Austauschbeziehung begriffen (Arbeitskraft gegen Lohn), sondern als Teil eines tragenden Netzwerkes. Die Lust steigt, die eigenen Talente und Interessen f\u00fcr die Organisation fruchtbar zu machen und insgesamt verst\u00e4rkt sich der Wunsch, dem Daseinszweck der Gesamtorganisation m\u00f6glichst gut gerecht zu werden. Die innere Ausrichtung wird koh\u00e4renter und die Organisation bekommt ein kooperatives, gro\u00dfz\u00fcgiges und freundliches Image. Wobei zu letzterem noch ein wichtiger Aspekt zu erg\u00e4nzen ist.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h1>Sichtbarkeit<\/h1>\n<p>Wichtig f\u00fcr das Schenken und dankbare Annehmen ist deren Sichtbarkeit. Charles Eisenstein betont, dass es uns tief ber\u00fchrt, wenn wir Zeug*innen menschlicher Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und Dankbarkeit werden. In weiteren Studien wurde belegt, dass das Bezeugen allein schon Gef\u00fchle von Verbundenheit, Dankbarkeit und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit hervorbringt.<\/p>\n<p>Als Beobachter*innen werden wir selbst zu freigiebigem Handeln inspiriert (angeblich agieren wir dreimal eher freigiebig, wenn wir k\u00fcrzlich Zeug*in einer gro\u00dfz\u00fcgigen Tat wurden), tragen das Gesehene weiter und stecken unser Umfeld damit an (ausf\u00fchrlicher beschrieben bei <a href=\"https:\/\/greatergood.berkeley.edu\/article\/item\/5_ways_giving_is_good_for_you\">Suttie &amp; Marsh<\/a>).<\/p>\n<p>Entsprechend ist es umso wichtiger, von solchen Erlebnissen und Geschichten zu erz\u00e4hlen und einander damit zu inspirieren, statt uns in falscher Bescheidenheit zu \u00fcben.<\/p>\n[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][et_pb_row _builder_version=&#8220;3.0.105&#8243;][et_pb_column type=&#8220;2_3&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.0.105&#8243;]\n<p>\nMir selbst wurde der Zusammenhang von Freigiebigkeit und Dankbarkeit vor Augen gef\u00fchrt, als ich Zeuge wurde, wie meine Freundin einen Gl\u00fcckscent auf dem Boden fand. Sie freute sich ausgesprochen dar\u00fcber und war dankbar, dass jemand eine M\u00fcnze zu ihrem Gl\u00fcck hatte fallen lassen. Und, anders als erwartet, steckte sie die M\u00fcnze nicht ein, sondern warf sie kurzerhand wieder auf die Stra\u00dfe. Auf dass auch die n\u00e4chste Person am Gl\u00fcck teilhaben k\u00f6nnte. Dies war f\u00fcr mich ein so erkenntnissreicher Moment, dass ich bis heute davon profitiere (mittlerweile ist das drei Jahre her) und ihr wiederum sehr dankbar daf\u00fcr bin. Ich hatte nicht geahnt, dass diese Erlebnis einmal so viel Bedeutung f\u00fcr mich bekommen sollte.<\/p>\n[\/et_pb_text][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;1_3&#8243;][et_pb_image src=&#8220;http:\/\/staging-sociusalt.socius.de\/wp-content\/uploads\/elm-leaf-231857_640.jpg&#8220; _builder_version=&#8220;3.0.105&#8243; \/][\/et_pb_column][\/et_pb_row][et_pb_row _builder_version=&#8220;3.0.105&#8243;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.0.105&#8243; text_font=&#8220;||||||||&#8220; header_font=&#8220;||||||||&#8220; header_2_font=&#8220;||||||||&#8220;]\n<p>Mit dem zunehmens wichtiger werdenden Storytelling und dem bewussten Schaffen von organisationalen Narrativen k\u00f6nnen reale Begebnisse von Freigiebigkeit und Dankbarkeit ebenso eine entscheidende Rolle spielen. Sowohl bewegende Erlebnisse einzelner Mitarbeiter*innen und Teams, als auch eine freigiebig und dankbar auftretende Gesamtorganisation bieten Stoff f\u00fcr Geschichten, die mit Sinn und Freude angereichert sind und die die Organisation gut in die Zukunft tragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h1>Ausblick<\/h1>\n<p>F\u00fcr mich scheinen eine Menge einzelner Organisationsanliegen wie die Zufriedenheit der Mitarbeiter*innen, gelingende Kommunikation, weitl\u00e4ufige Vernetzung, kollegiales Verhalten, wirksame \u00d6ffentlichkeitsarbeit und PR, hohe Wirksamkeit und flexible Strategiearbeit unter dem dargelegten Themenkomplex vereinbar zu sein. Dankbarkeit gilt im wissenschaftlichen Diskurs als eine der vielversprechendsten Haltungen, weil sie einerseits so viele positive Effekte mit sich bringt und andererseits als relativ leicht nachvollziehbar und erlernbar gilt.<\/p>\n<p>Angesichts der spannenden Erkenntnisse der sozialpsychologischen Forschung wundert es mich, dass dieses Thema bisher noch kaum Einzug in die Organisationsforschung hatte. Erste Bestrebungen gibt es dennoch, so hat im November 2017 etwa eine <a href=\"https:\/\/ggsc.berkeley.edu\/what_we_do\/event\/gratitude_well_being_at_work#tab-overview\">Konferenz zur Integration von Dankbarkeit in die Arbeit<\/a> stattgefunden, organisiert vom hier schon \u00f6fter zitierten Greater Good Science Center der Berkeley University, Kalifornien.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re sehr spannend, die genauen Auswirkungen einer Kultur von Freigiebigkeit und Dankbarkeit in Organisationen zu untersuchen. Bisher gibt es zwar einige best practices einer solchen gelebten Haltung, dies wurde meines Wissens nach jedoch nicht unter dem hier vorgestellten Gesichtspunkt betrachtet. Dieser Artikel soll ein Beitrag dazu sein, die Haltungsfragen von Freigiebigkeit und Dankbarkeit in Organisationskontexten zu verbreiten.<\/p>\n<p>Interessant ist nat\u00fcrlich auch die sich aufdr\u00e4ngende Frage, wie eine solche Kultivierung vorstellbar und durchf\u00fchrbar ist. Dieser Frage gehe ich in meinem Folgeartikel nach, in dem ich bereits getestete Praktiken vorstelle, die sowohl individuell, in Teams als auch auf gesamtorganisationaler Ebene durchgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/staging-sociusalt.socius.de\/eine-haltung-der-freigiebigkeit-und-dankbarkeit\/\">Zum Folgeartikel<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][et_pb_row _builder_version=&#8220;3.0.105&#8243;][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.0.105&#8243;]\n<h2>Literatur<\/h2>\n<ul>\n<li>Anik, Lalin et al. (2009): &#8222;Feeling Good about Giving: The Benefits (and Costs) of Self-Interested Charitable Behavior.&#8220; <a href=\"http:\/\/www.hbs.edu\/faculty\/Publication%20Files\/10-012.pdf\">Onlineressource<\/a>.<\/li>\n<li>Eisenstein, Charles (2011): Sacred Economics.<\/li>\n<li>Emmons, Robert (2008): Vom Gl\u00fcck, dankbar zu sein.<\/li>\n<li>Emmons, Robert (2010): &#8222;Why Gratitude is good.&#8220; <a href=\"https:\/\/greatergood.berkeley.edu\/article\/item\/why_gratitude_is_good\">Onlineressource<\/a>.<\/li>\n<li>Fromm, Erich (1956): Die Kunst des Liebens.<\/li>\n<li>Laloux, Frederic (2015): Reinventing Organizations: Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit.<\/li>\n<li>Perls, Frederick (2007): Das Ich, der Hunger und die Aggression.<\/li>\n<li>Suttie, Jill &amp; Jason Marsh (2010): &#8222;5 ways giving is good for you.&#8220; <a href=\"https:\/\/greatergood.berkeley.edu\/article\/item\/5_ways_giving_is_good_for_you\">Onlineressource<\/a>.<\/li>\n<\/ul>\n[\/et_pb_text][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.0.105&#8243;]\n<h2>Empfohlene Ressourcen<\/h2>\n<ul>\n<li>Di Fabio, Annemaria et al. (2017): &#8222;Gratitude in Organizations: A Contribution for Healthy Organizational Contexts.&#8220; <a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pmc\/articles\/PMC5699179\/\">Onlineressource<\/a>.<\/li>\n<li>Fehr, Ryan et al. (2016): &#8222;The grateful workplace: a multilevel model of gratitude in organizations.&#8220; <em>The Academy of Management Review<\/em>, February.<\/li>\n<li>Wilberg, Hans-Arved (2018): Dankbarkeit.<\/li>\n<\/ul>\n[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: Simon Mohn J\u00fcngst hat sich die Sozialpsychologie mit bestimmten Einstellungs- und Haltungsfragen besch\u00e4ftigt, die bisher eher dem Bereich der Religionen oder philosophischen Str\u00f6mungen zugerechnet wurden. Konkret geht es um das Begriffspaar &#8222;Freigiebigkeit und Dankbarkeit&#8220;. 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