{"id":16894,"date":"2018-05-09T11:08:40","date_gmt":"2018-05-09T09:08:40","guid":{"rendered":"http:\/\/staging-sociusalt.socius.de\/?p=16894"},"modified":"2019-02-21T17:28:00","modified_gmt":"2019-02-21T16:28:00","slug":"eine-haltung-der-freigiebigkeit-und-dankbarkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/staging-sociusalt.socius.de\/en\/eine-haltung-der-freigiebigkeit-und-dankbarkeit\/","title":{"rendered":"Eine Haltung der Freigiebigkeit und Dankbarkeit"},"content":{"rendered":"[et_pb_section bb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;3.2.1&#8243; border_width_top=&#8220;-20px&#8220; custom_padding=&#8220;0|0px|25.4333px|0px|false|false&#8220;][et_pb_row _builder_version=&#8220;3.0.105&#8243;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.19.15&#8243;]\n<p><span style=\"color: #444444;\">(Foto: privat \u2013 diese Pflanze wurde mir von meiner Lebensgef\u00e4hrtin und Freundin f\u00fcr mein B\u00fcro geschenkt)<\/span><\/p>\n<p>Autor: <a href=\"http:\/\/staging-sociusalt.socius.de\/simon-mohn\/\">Simon Mohn<\/a><\/p>\n[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][et_pb_row _builder_version=&#8220;3.0.105&#8243;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.19.15&#8243;]\n<p>Dieser Artikel baut auf dem vorherigen (<a href=\"selbstbewusste-gemeinwohlorientierung-eine-haltungsveraenderung\/\">Organisationen anders erleben<\/a>) auf, in dem Bedeutung und Sinn einer dankbaren und freigiebigen Haltung besprochen wird. Zum besseren Verst\u00e4ndnis empfiehlt sich das Lesen des vorangegangenen Artikels, das ist jedoch nicht unbedingt notwendig.<\/p>\n<h2>Kultivierung von Freigiebigkeit und Dankbarkeit<\/h2>\n<p>Einige Studien haben die vielen Vorteile von Dankbarkeit in Organisationen bereits beschrieben, die sich \u00e4hnlich wie die individuellen, nur eben auf Organisationsebene lesen \u2013 in einer entsprechenden Ausdrucksweise (als \u00dcbersicht eignet sich <a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pmc\/articles\/PMC5699179\/\">Di Fabio et al. 2017<\/a>). Entsprechend ist die Sprache von organisationale Resilienz, freundlicherem Arbeitsklima, gr\u00f6\u00dferem organisationalem Erfolg. Mitarbeiter*innen sind effizienter, loyaler, unterst\u00fctzender und produktiver, es gibt gesteigerte generalisierte Reziprozit\u00e4t (&#8222;ich unterst\u00fctze dich und du unterst\u00fctzt dann jemand anderes\u201c) usw. Mein Fokus bei der praktischen Implementierung gilt in diesem Artikel etwas mehr der Dankbarkeit, da ich unterstelle, dass Dankbarkeit eher zu Freigiebigkeit motiviert als andersherum. Das ist jedoch nur eine Tendenz und schlie\u00dft die gegenl\u00e4ufige Wechselwirkung nicht aus.<!--more--><\/p>\n<p>Einzelne Akte von Freigiebigkeit und Ausdr\u00fccken von Dankbarkeit tragen dazu bei, dass wir eine entsprechende Haltung entwickeln. Wie \u00fcber einzelne Akte hinaus eine dankbare und freigiebige Haltung entwickelt werden kann, m\u00f6chte ich im Folgenden eingehender besprechen. Dabei fokussiere ich drei unterschiedliche Ebenen: der einzelne Mensch, kleine Gruppen (Teams) und gr\u00f6\u00dfere Gemeinschaften (Organisationen). Die derzeit erprobten Methoden werden in der gleichen Reihenfolge sukzessive sp\u00e4rlicher.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h1>Grundannahmen und Ausgangslage<\/h1>\n<p>Das Entwickeln einer inneren Haltung, gerade einer solchen, wie sie hier beschrieben wird, l\u00e4sst sich nicht verordnen. Dieser Prozess kann nur freiwillig geschehen, sodass top-down aufgesetzte Praktiken keinen Erfolg haben k\u00f6nnen, wenn sie nicht partizipativ und auf wirklicher Augenh\u00f6he vorgeschlagen werden.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Was allerdings funktioniert, und zwar explizit, ist das Vorleben von Freigiebigkeit und Dankbarkeit, denn es ber\u00fchrt uns und inspiriert zum Nachahmen. Eine Haltungs\u00e4nderung in einem gr\u00f6\u00dferen Sozialgef\u00fcge kann nur anstreben, wer selbst bereit ist, sich mit zu ver\u00e4ndern. Insbesondere F\u00fchrungskr\u00e4fte haben hier eine besondere Strahlkraft.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dabei ist es t\u00fcckisch, Freigiebigkeit und Dankbarkeit als Mittel zum Zweck zu etablieren. Aufgesetzte Zurschaustellung derselben f\u00fchren schnell zu Widerstand und Misstrauen und unterlaufen das Vorhaben. Wer Kolleg*innen Dankbarkeit f\u00fcr deren Unterst\u00fctzung oder Beitr\u00e4ge ausdr\u00fcckt und dies etwa aus einer Haltung macht \u201eDankbarkeit auszudr\u00fccken hilft einem besseren Arbeitsklima, also werde ich anderen mal danken\u201c, handelt wohl nicht prim\u00e4r aus dem Dankbarkeitsgef\u00fchl. Dankbarkeit auszudr\u00fccken ist nur dann wirklich sinnvoll, wenn sie als solche gef\u00fchlt wird. Ansonsten ist es wohl besser, in dem Moment einfach darauf zu verzichten \u2013 bevor mensch Gefahr l\u00e4uft, einen zweifelhaften Management-Glauben zu bedienen (ich komme darauf zur\u00fcck).<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h1>Vorgehen<\/h1>\n<p>Die Kultivierung einer Haltung f\u00e4ngt, wie gesagt, bei uns selbst an. Das bedeutet nicht zwangsl\u00e4ufig, dass es eine einzeln getroffene Entscheidung sein muss \u2013 ein Team kann durchaus den Startpunkt gemeinsam setzen, einen Kulturwandel zu begehen. Tragf\u00e4hig wird diese Entscheidung jedoch erst, wenn jede*r Beteiligte diese Entscheidung auch individuell f\u00fcr sich getroffen hat. Deshalb halte ich es f\u00fcr sinnvoll, eine Kultivierung zun\u00e4chst pers\u00f6nlich zu testen, wof\u00fcr sich Einzelmethoden anbieten, ggf. in Workshops exploriert.<\/p>\n<h2>Individuelle Herangehensweisen<\/h2>\n<p><strong>Journal<\/strong> \u2013 Eine vielfach empfohlene und wissenschaftlich getestete Praxis ist das regelm\u00e4\u00dfige Schreiben eines Dankbarkeits-Journals. Einmal oder mehrmals die Woche bis hin zu t\u00e4glich wird aufgeschrieben, wof\u00fcr wir dankbar sind. Dabei ist die Qualit\u00e4t, nicht die Quantit\u00e4t entscheidend. Zehn einzelne Stichpunkte ver\u00e4ndern weniger als zwei ausf\u00fchrlich beschriebene Erlebnisse (<a href=\"https:\/\/greatergood.berkeley.edu\/article\/item\/tips_for_keeping_a_gratitude_journal\">Marsh 2011<\/a>). Das Aufschreiben dient zweierlei. Es Fokussiert unser Gehirn auf das Dankenswerte und Gute, das wir in unserem Leben bekommen und gibt uns so das Gef\u00fchl, reicher und beschenkter zu sein. Dieser Fokus etabliert sich dann schnell auch im Alltag. Au\u00dferdem erleben wir das Gef\u00fchl der Dankbarkeit beim Aufschreiben, was unseren Hormonhaushalt ver\u00e4ndert und uns langfristig mehr positive Gef\u00fchle f\u00fchlen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Das tats\u00e4chliche F\u00fchlen der Dankbarkeit k\u00f6nnen wir unterst\u00fctzen, indem wir beim Aufschreiben drei Schritte gehen (abgewandelt von Emmons 2008): 1) Erkennen dessen, was unser Leben bereichert hat, 2) Anerkennen, welchen Wert es hat, indem wir es uns aus unserem Leben wegdenken und bewusst werden, was uns fehlen w\u00fcrde, 3) Zuerkennen, wer oder was au\u00dferhalb von uns daf\u00fcr verantwortlich ist. Dabei merkt Jason Marsh an, dass es wirkungsvoller ist, Menschen statt Dingen dankbar zu sein.<br \/>Vertiefung und weitere Anregungen zum Journal:<br \/>\u2013 <a href=\"https:\/\/greatergood.berkeley.edu\/article\/item\/tips_for_keeping_a_gratitude_journal\">Artikel von Jason Marsh 2011<\/a> \u2013 vertiefende Tipps zur effektiven Gestaltung einer Journal-Praxis<\/p>\n<p><strong>Freuden bereiten<\/strong> \u2013 die Altruismusforschung hat vielfach best\u00e4tigt, dass es uns und unserem Umfeld gut tut und st\u00e4rkt, wenn wir anderen kleine Freuden bereiten. Wenn wir bemerken, dass unsere Taten ein Bed\u00fcrfnis getroffen haben und anderen den Tag erheitern, erleben wir einen Anstieg unseres Selbstwirksamkeitsempfindens. Au\u00dferdem f\u00fchlen wir uns als tragender Teil eines Sozialgef\u00fcges, zu dessen Erhalt wir bewusst beitragen und an dessen Gestaltung wir auch aktiv teilhaben k\u00f6nnen. Dabei kommt es nicht auf etwas Gro\u00dfes an, das wir f\u00fcr andere tun, sondern eher auf kleine Aufmerksamkeiten, die nicht unbedingt notwendig w\u00e4ren, aber erfreuen.<\/p>\n<p>Da das Freuden-Bereiten in der Regel kein automatischer Reflex ist, empfiehlt Jacqueline Way (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=78nsxRxbf4w\">2017<\/a>), sich eine Liste der Dinge anzufertigen, die sich gut in den Tag einbauen lassen und sie ggf. in eine Routine zu \u00fcberf\u00fchren. So m\u00fcssen sie nicht jedesmal neu erdacht werden, was die Praxis im gegebenen Moment erleichtert. Beispiele daf\u00fcr k\u00f6nnen sein: jemand zum Kaffee einladen, eine verdreckte Stelle aufr\u00e4umen, allen eine Leckerei mitbringen, einen bed\u00fcrftigen Menschen auf der Stra\u00dfe zu etwas Warmem einladen, eine nette Postkarte verschicken, etwas reparieren, interessante Onlineinhalte\/Artikel als pers\u00f6nliche Mail verschicken usw. Gerade in Organisationen k\u00f6nnen solche Aufmerksamkeiten eine positive Irritation und einen Moduswechsel bewirken. Um die Freuden nicht aus dem Zweck heraus zu machen, als jemand tolles zu gelten (und damit das Geschenkprinzip zu untergraben), kann es hilfreich sein, Freuden anonym zu bereiten und zu lernen, sich allein daran zu erfreuen.<br \/>Vertiefung und weitere Anregungen zu Freuden-Bereiten:<br \/>\u2013 <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=78nsxRxbf4w\">TEDx-Vortrag von Jacqueline Way 2017<\/a> \u2013 Einf\u00fchrung in den Sinn von t\u00e4glichen Freuden<br \/>\u2013 <a href=\"https:\/\/greatergood.berkeley.edu\/article\/item\/how_to_make_giving_feel_good\">Artikel von Elizabeth Dunn und Michael Norton 2013<\/a> \u2013 Inspirationen, wie Schenken Freude macht<\/p>\n<p><strong>Briefe<\/strong> \u2013 enorm wirkungsvoll zeigt sich das Schreiben von Dankesbriefen. Diese richten sich an Menschen in unserem Leben, aus fr\u00fcheren Zeiten oder aktuell, die etwas Bedeutungsvolles f\u00fcr uns getan haben. Vielleicht wurde uns einmal in einer sehr schweren Zeit geholfen oder jemand hat etwas Entscheidendes gesagt oder getan, das sich sp\u00e4ter als wichtiger Ansto\u00df entpuppte. Oder aber, wir haben etwas Bedeutungsvolles vorgelebt bekommen und konnten es so selbst erlernen \u2013 Gr\u00fcnde zur Dankbarkeit f\u00fcr die Menschen in unserem Leben gibt es viele.<\/p>\n<p>In der Regel erzeugt das Schreiben eines solchen Briefes ein stark empfundenes Dankbarkeitsgef\u00fchl und l\u00e4sst uns den gro\u00dfen Wert der uns (ehemals) umgebenden Menschen sp\u00fcren. Es ist auch wahrscheinlich, dass wir uns danach zufriedener, gl\u00fccklicher und getragener f\u00fchlen. Das Schreiben eines solchen Briefes kann eine sch\u00f6ne Heranf\u00fchrung an Dankbarkeitsgef\u00fchle sein, da sie direkt und intensiv erlebbar sind. Ob der Brief am Ende abgeschickt wird, sei jedem selbst \u00fcberlassen.<br \/>Vertiefung und weitere Anregungen zu Dankesbriefen:<br \/>\u2013 <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Amer415JwQg\">TEDx-Vortrag von Kathryn Sievert 2015<\/a> \u2013 sehr inspirierender Erfahrungsbericht<\/p>\n<h2>Herangehensweisen in Gruppen und Teams<\/h2>\n<p>Je gr\u00f6\u00dfer ein Sozialgef\u00fcge, desto weniger ergibt es Sinn, \u00fcber pr\u00e4skriptive Herangehensweisen zu schreiben. Daf\u00fcr sind die Eigendynamiken von Gruppen zu verschieden und sie brauchen eine selbst erarbeitete, passgenaue Antwort auf das Praktizieren bzw. Ein\u00fcben von Haltungen. Deshalb sind Gruppenans\u00e4tze mit dem Hinweis zu verstehen, dass es in den meisten F\u00e4llen einer gemeinsamen Auseinandersetzung bedarf, in der das F\u00fcr und Wider besprochen werden kann und ein angepasstes Vorgehen entwickelt wird. So oder so w\u00e4re ein erster Schritt wohl das Thematisieren und Besprechen (z. B. im Rahmen einer Klausur), was allein schon eine Wirkung erzielen kann.<\/p>\n<p><strong>Konzertierte Aktionen<\/strong> \u2013 in einem Artikel (den ich leider nicht mehr finde) las ich k\u00fcrzlich von einem Angestellten in den USA, der durch die pl\u00f6tzliche Krankheit seiner Frau und einer gleichzeitigen Kreditbelastung in Schwierigkeiten kam. Kurzum organisierten seine Kolleg*innen eine Party bei ihm, wovon alle Einnahmen jenem Angestellten zugute kamen. Nicht nur kam sein Vorgesetzter, auch die Nachbar*innen, Freund*innen und sogar der lokale Priester kamen zu der Party. Es kam sehr viel mehr Geld als notwendig zusammen und der Angestellte kam aus seiner misslichen Lage heraus.<\/p>\n<p>Solche gemeinsamen Aktionen k\u00f6nnen ein hohes Zusammenhaltsgef\u00fchl, Gruppenselbstwirksamkeit und Solidarit\u00e4t entstehen lassen. Ein anderes Beispiel aus dem Artikel von Dunn und Norton (<a href=\"https:\/\/greatergood.berkeley.edu\/article\/item\/how_to_make_giving_feel_good\">2013<\/a>) beschreibt, wie Gruppen regelm\u00e4\u00dfig kleine Minikollekten zusammenbringen (etwa \u00fcber einen bestimmten Zeitraum hinweg M\u00fcnzen in einem Glas sammeln), um dann an einem Stichtag gemeinsam zu entscheiden, wen sie wie positiv damit \u00fcberraschen m\u00f6chten. So lie\u00dfe sich z. B. ein anderes Team oder Partnerorganisation zum gemeinsamen Pizza-Essen einladen. Oder dem Sekretariat k\u00f6nnte ein kollektives Dankesch\u00f6n f\u00fcr die unterst\u00fctzende Arbeit durch einen gro\u00dfen Blumenstrau\u00df ausgedr\u00fcckt werden. Solche Sammlungen in einem wiederkehrenden Turnus k\u00f6nnen viel zur Atmosph\u00e4re, Spa\u00df und Kollegialit\u00e4t beitragen.<\/p>\n<p><strong>Dankbarkeitsrunden<\/strong> \u2013 Meetings k\u00f6nnen mit f\u00fcnf Minuten Ausdr\u00fccken von Dankbarkeit beginnen oder enden. \u201eWas ist mir in den letzten Tagen passiert, wof\u00fcr ich dankbar bin?\u201c Das ver\u00e4ndert unmittelbar die Stimmung und tr\u00e4gt somit ggf. zum Gelingen des Meetings bei. Der Begriff Dankbarkeitsrunde ist dabei allerdings missverst\u00e4ndlich, da ein Reihumgehen Druck erzeugt. Dankbarkeit sollte nur ausgedr\u00fcckt werden, wenn sie auch gef\u00fchlt wird. Das sollte allen klar sein. Siehe dazu insbesondere die Hinweise weiter unten \u201eWenn Dankbarkeit zum Lob wird\u201c.<\/p>\n<p><strong>Talente anbieten<\/strong> \u2013 Teams und Gruppen bilden meistens einen Pool voller ungeahnter Talente und F\u00e4higkeiten, die weit \u00fcber die eigentliche Aufgabe der Zusammenkunft hinausgehen. Und es sind h\u00e4ufig diejenigen F\u00e4higkeiten, denen wir auch in unserer Freizeit nachgehen, welche uns Freude machen und durch die wir uns als wertvoll und sinnerf\u00fcllt erleben k\u00f6nnen; gerade dann, wenn wir sie in den Dienst anderer stellen. Es kann schon allein sehr befriedigend sein, \u00fcberhaupt etwas f\u00fcr andere zu machen. Wenn wir dar\u00fcber hinaus das machen, was uns selbst Spa\u00df macht, erzeugen wir Situationen, die beiden Seiten Zufriedenheit bringt. Vielleicht malt jemand gerne und freut sich, anderen ein bestimmtes Bild zu malen. Oder jemand zieht Pflanzen gro\u00df und teilt Ableger; vielleicht baut jemand gerne Dinge aus Holz und kann einem Kollegen einen sch\u00f6ne Schreibtischablage bauen.<\/p>\n<p>Bei diesem Aspekt hapert es insbesondere am Wissen um F\u00e4higkeiten der anderen und an nicht stattfindender Nachfrage. Eine Gruppe, die sich untereinander etwas anbieten m\u00f6chte, braucht also ein geschicktes System, womit diesen Hindernissen begegnet werden kann. Hier kommt ein Aspekt des dankbaren Annehmens zum Tragen, der bisher noch keine Ber\u00fccksichtigung gefunden hat \u2013 die F\u00e4higkeit, andere um etwas zu bitten. Wom\u00f6glich findet sich \u00fcber das Anbieten von Talenten ein Zugang zu einer Auseinandersetzung damit, wie es zu einem nat\u00fcrlichen Bitten um Unterst\u00fctzung im Sozialgef\u00fcge kommen kann.<\/p>\n<h2>Herangehensweisen in Organisationen<\/h2>\n<p>Hier sind wir bei der komplexesten Ansatzebene, eine freigiebige und dankbare Haltung konkret zu etablieren. Bei gesamten Organisationen gilt umso mehr, was auch schon f\u00fcr Gruppen und Teams gesagt wurde: Modelle lassen sich nicht eins zu eins etablieren, es braucht einen zur Organisation passenden und zu entwickelnden Umgang. Deshalb m\u00f6chte ich hier nur Beispiele vorstellen, die eine Anregung daf\u00fcr sein k\u00f6nnen.<\/p>\n[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][et_pb_row _builder_version=&#8220;3.0.47&#8243; background_size=&#8220;initial&#8220; background_position=&#8220;top_left&#8220; background_repeat=&#8220;repeat&#8220;][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.2.1&#8243;]\n<p>In Frederic Laloux\u2019 <em>Reinventing Organisations<\/em> (2015) werden zwei Beispiele beschrieben, in denen Organisationen derartige Praxen implementiert haben. Zum einen wird die ESBZ (eine Schule in Berlin) als Beispielfall beschrieben, wo einmal w\u00f6chtlich eine Stunde lang alle zusammenkommen und eine B\u00fchne ge\u00f6ffnet wird. Auf dieser kann, wer auch immer mag, kleine Geschichten teilen, die Dankbarkeit f\u00fcr etwas ausdr\u00fccken, das jemand anderes getan hat. So wird ein gemeinsamer Geist der Wertsch\u00e4tzung gest\u00e4rkt und die Hierarchie zwischen Lehrer*innen und Sch\u00fcler*innen wird durch die pers\u00f6nliche Ber\u00fchrtheit der Erz\u00e4hlenden abgeflacht. An anderer Stelle erw\u00e4hnt Laloux eine Organisation, die \u00e4hnlich, aber digital vorgeht: Hier schreibt einmal w\u00f6chentlich irgendein*e Mitarbeiter*in eine Email an alle, in der Dank ausgedr\u00fcckt wird, worauf eine Welle von weiteren Dankesemails losgeht, in denen andere eigene kurze Geschichten dar\u00fcber erz\u00e4hlen, wof\u00fcr sie dankbar sind.<\/p>\n[\/et_pb_text][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243;][et_pb_image src=&#8220;http:\/\/staging-sociusalt.socius.de\/wp-content\/uploads\/IMG_20180503_131417.jpg&#8220; _builder_version=&#8220;3.2.1&#8243;]\n<p><\/p>\n[\/et_pb_image][\/et_pb_column][\/et_pb_row][et_pb_row _builder_version=&#8220;3.0.105&#8243;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.2.1&#8243;]\n<p>Ozvision, eine andere Organisation in Laloux\u2019 Buch, gibt ihren Mitarbeiter*innen einen extra Tag pro Jahr frei, plus 200 Dollar. Mit diesen sollen sie irgendjemand, der oder die ihnen pers\u00f6nlich etwas bedeutet, an diesem Tag Dank ausdr\u00fccken. Die Geschichten dazu werden dann mit den anderen geteilt. Auch hier schaffen Geschichten mit pers\u00f6nlicher Ber\u00fchrung Zusammenhalt in der Organisation. Gerade beim Erz\u00e4hlen von derartigen Geschichten sei hier noch einmal auf das untere Segment \u201eWenn Dankbarkeit zum Lob wird\u201c verwiesen, worin ein Fallstrick solcher Praxen beschrieben wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Fallstricke<\/h1>\n<h2>\u00dcbertreibung<\/h2>\n<p>Wenn wir uns zu viel auf einmal vornehmen, also gleich drei Praktiken auf einmal ausprobieren, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir sehr schnell von unserem Alltag auf den Boden der Tatsachen zur\u00fcckgeholt werden. Es f\u00e4llt nicht leicht, gr\u00f6\u00dfere \u00c4nderungen auf l\u00e4ngere Zeit durchzuhalten. Ambitionen tragen immer nur solange, bis sie nicht mehr da sind. Und damit wird dann ein ambitionierter Plan zum Soll und zur \u00dcberwindung. Gelingt es uns, kleinere Praktiken in unseren Alltag einzubauen, am besten verkn\u00fcpft mit etwas, das wir sowieso tun (eine Mahlzeit, Z\u00e4hneputzen etc.), so steigt die Chance, dass es eine Gewohnheit wird. Im Idealfall schaffen wir uns ein Ritual. Damit nehmen wir uns n\u00e4mlich den Stress, das Vorgehen jedesmal neu zu erdenken, was alles deutlich einfacher macht.<\/p>\n<p>Wenn wir st\u00e4ndig versuchen das Gute in allem zu sehen und dankbar zu sein, setzen wir uns sp\u00e4testens dann unter Stress, wenn das Leben gerade einfach \u00fcberhaupt nicht so rosig aussieht. F\u00fcr etwas dankbar zu sein ist nur dann sinnvoll, wenn es leicht ersp\u00fcrbar ist und wir uns nicht ein Bein ausrei\u00dfen, um in einer bl\u00f6den Situation noch krampfhaft etwas Wertvolles darin zu sehen versuchen. Dann ist es besser zu akzeptieren, dass es eben gerade \u00fcberhaupt nicht so l\u00e4uft, wie wir es gerne h\u00e4tten (<a href=\"https:\/\/greatergood.berkeley.edu\/article\/item\/stumbling_toward_gratitude\/\">Price 2007<\/a>). In schwierigen Zeiten das Wertvolle zu sehen ist etwas, das h\u00e4ufig erst retrospektiv m\u00f6glich wird. Erst mit viel Verinnerlichung einer dankbaren Haltung wird es uns leichter fallen, Gelegenheiten und Chancen (denn das ist das Wertvolle in jedem Moment, so <a href=\"https:\/\/www.ted.com\/talks\/david_steindl_rast_want_to_be_happy_be_grateful\">Steindl-Rast 2013<\/a>) auch direkt in herausfordernden Situationen zu erkennen.<\/p>\n<h2>Wenn Dankbarkeit zum Lob wird<\/h2>\n<p>Vor mehreren Jahren wurde etwas scheinbar Vergessenes als Mangement-Methode neu entdeckt: Mitarbeiter*innen arbeiten besser, wenn ihnen Lob ausgedr\u00fcckt wird. Angestellte bekamen fortan in vielen Organisationen flei\u00dfig Lob von ihren Vorgesetzten, was sie tats\u00e4chlich auch zu besserer Leistung motivierte. Die Gefahr, die in diesem Vorgehen steckt, wurde in Organisationskontexten meines Wissens nach erst sp\u00e4ter festgestellt, als die Nutzung von Lob sich bereits etabliert hatte. Marshall B. Rosenberg, Begr\u00fcnder der Gewaltfreien Kommunikation (NVC), hat die Problematik davon sehr treffend auf den Punkt gebracht:<\/p>\n<p>Ein \u201eDas hast du wirklich gut gemacht!\u201c mag erst einmal angenehm klingen, doch darin steckt auch ein Urteil \u00fcber den\/die andere*n, n\u00e4mlich in diesem Fall, gut gewesen zu sein. Wenn wir uns von diesem Lob schmeicheln lassen, begeben wir uns in eine Abh\u00e4ngigkeit, denn schon beim n\u00e4chsten mal, wenn wir etwas Vergleichbares machen, k\u00f6nnte unsere Arbeit nicht mehr als gut bewertet werden. Und das gilt f\u00fcr alle Urteile, positiv wie negativ, die wir oder unsere Arbeit bekommen. \u201eDu bist ein toller Redner!\u201c \u2013 das freut uns zu h\u00f6ren und beim n\u00e4chsten mal w\u00fcrden wir es gerne wieder h\u00f6ren. Doch wenn dann nichts dergleichen kommt, kommen wir wom\u00f6glich ins Zweifeln und setzen Energie daran, dieses Kompliment wieder zu h\u00f6ren, die Best\u00e4tigung wieder zu bekommen.<\/p>\n<p>Ein tats\u00e4chlicher Ausdruck von Wertsch\u00e4tzung, der keine Abh\u00e4ngigkeit schafft \u2013 und hier n\u00e4hern wir uns der Dankbarkeit an \u2013 beinhaltet nach Rosenberg folgende drei Komponenten:<\/p>\n<ol>\n<li>Welche Handlung hat zu unserem Wohlbefinden beigetragen?<\/li>\n<li>Welche unserer Bed\u00fcrfnisse wurden damit befriedigt?<\/li>\n<li>Welches Gef\u00fchl erzeugt das in mir?<\/li>\n<\/ol>\n<p>Das obige Beispiel k\u00f6nnte also stattdessen lauten: \u201eDeine Beschreibung des Themas XYZ und wie du das mit einer Geschichte aus deinem eigenen Leben verkn\u00fcpft hast, hat mir viel Spa\u00df gemacht und mir eine Anregungen f\u00fcr meine eigenen Vortr\u00e4ge gegeben. Ich bin dir daf\u00fcr ganz dankbar und gerade sehr inspiriert.&#8220;<\/p>\n<p>Nun muss nicht jeder Dank so ausgedr\u00fcckt werden, manchmal kann das Gef\u00fchl der Dankbarkeit schon in einem schlichten \u201eDanke\u201c zum Ausdruck gebracht werden. Wird Dankbarkeit jedoch aus einer lobenden Attit\u00fcde heraus ausgedr\u00fcckt, so erzeugt das auf lange Sicht eher Abh\u00e4ngigkeiten und entsprechend Anpassung oder Widerstand. Wahre Dankbarkeit speist sich aus dem Gef\u00fchl heraus, beschenkt worden zu sein und dieses Gef\u00fchl gerne ausdr\u00fccken zu wollen, weil es f\u00fcr uns pers\u00f6nlich etwas Sch\u00f6nes darstellt.<\/p>\n<p>Bei der Besprechung von Dankbarkeitsbekundungen im dazu stattfindenden Labor wurde mir diese Problematik bewusst, die insbesondere im \u00f6ffentlichen Ausdr\u00fccken von Dank stecken kann. Das hat meinem Wunsch, die Facetten des Themas besser zu verstehen, ein St\u00fcck mehr gen\u00fcge getan und ich bin den Teilnehmer*innen des Labors dankbar, dass ich dadurch nun hier dar\u00fcber schreiben kann.<\/p>\n<h2>Wenn ein Geschenk zum verdeckten Handel wird<\/h2>\n<p>Dazu habe ich im <a href=\"http:\/\/staging-sociusalt.socius.de\/selbstbewusste-gemeinwohlorientierung-eine-haltungsveraenderung\/\">vorhergehenden Artikel<\/a> schon Einiges geschrieben. Kurz auf den Punkt gebracht, kommt ein Geschenk bzw. jemandem etwas Gutes zu tun, aus einem Gef\u00fchl von Freude am Geben und ist nicht mit Erwartungen verbunden. Denn wenn ein Geschenk mit einer Erwartung verbunden ist, dann ist es eher ein Handel, der wom\u00f6glich der\/dem Beschenkten noch nicht einmal klar ist und erst deutlich wird, wenn wir entt\u00e4uscht auf ihre\/seine Reaktion auf das Geschenk reagieren. Wir k\u00f6nnen uns also fragen, ob wir irgendetwas von der\/dem Beschenkten erwarten oder ob es uns einfach eine Freude in sich ist, etwas zu geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Fazit<\/h1>\n<p>Meine zweiteilige Besprechung von Dankbarkeit und Freigiebigkeit hat mir insbesondere vor Augen gef\u00fchrt, dass es sich eher um eine Haltung als um eine konkrete Vorgehensweise handelt. Etwas, was mir vorher nicht so deutlich war. Doch gerade eine Haltung wird durch konkrete Vorgehensweisen und Reflexionen kultiviert, weswegen diese eine besondere Betrachtung in diesem Artikel bekommen haben. Ich selbst erlebe die Ein\u00fcbung dieser Haltung (quasi ein Selbstexperiment, begleitend zum Thema) als sehr bereichernd und werde mich weiter darin \u00fcben. Denn gerade auch in der Beratung kann eine Perspektive, die den Reichtum des schon Gegebenen sieht, eine wertvolle Ressource sein und eine Blickwinkelver\u00e4nderung auf ein Problem ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Organisationen, in denen die Menschen untereinander mehr mit ihrer Menschlichkeit in Kontakt kommen wollen, haben von der Dankbarkeits- und Altruismusforschung einige wertvolle Ergebnisse an die Hand gegeben. Es w\u00e4re sch\u00f6n, weitere Organisationen mit dem Thema experimentieren zu sehen und dar\u00fcber hinaus mehr Fallbeispiele zu haben. Nat\u00fcrlich gibt es eine Menge Organisationen, die bereits damit experimentiert haben, von denen ich schlichtweg nicht wei\u00df. Hinweise dazu nehme ich gerne entgegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][et_pb_row _builder_version=&#8220;3.0.106&#8243;][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.0.105&#8243;]\n<h2>Quellen<\/h2>\n<ul>\n<li>Di Fabio, Annemaria et al. (2017): &#8222;Gratitude in Organizations: A Contribution for Healthy Organizational Contexts.&#8220; <a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pmc\/articles\/PMC5699179\/\">Onlineressource<\/a>.<\/li>\n<li>Dunn, Elizabeth &amp; Michael Norton (2013): &#8222;How to make giving feel good.&#8220; <a href=\"https:\/\/greatergood.berkeley.edu\/article\/item\/how_to_make_giving_feel_good\">Onlineressource<\/a>.<\/li>\n<li>Emmons, Robert (2008): Vom Gl\u00fcck, dankbar zu sein.<\/li>\n<li>Laloux, Frederic (2015): Reinventing Organizations: Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit.<\/li>\n<li>Marsh, Jason (2011): &#8222;Tips for keeping a gratitude journal.&#8220; <a href=\"https:\/\/greatergood.berkeley.edu\/article\/item\/tips_for_keeping_a_gratitude_journal\">Onlineressource<\/a>.<\/li>\n<\/ul>\n[\/et_pb_text][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;1_2&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.2.1&#8243;]\n<ul>\n<li>Price, Catherine (2007): &#8222;Stumbling toward gratitude.&#8220; <a href=\"https:\/\/greatergood.berkeley.edu\/article\/item\/stumbling_toward_gratitude\/\">Onlineressource<\/a>.<\/li>\n<li>Rosenberg, Marshall (2005): Nonviolent Communication: A language of life.<\/li>\n<li>Sievert, Kathryn (2015): &#8222;How gratitude transformed my life into a tale of wonder.&#8220; <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Amer415JwQg\">Onlineressource<\/a>.<\/li>\n<li>Steindl-Rast, David (2013): &#8222;Want to be happy? Be grateful.&#8220; <a href=\"https:\/\/www.ted.com\/talks\/david_steindl_rast_want_to_be_happy_be_grateful\">Onlineressource<\/a>.<\/li>\n<li>Way, Jacqueline (2017): &#8222;How to be happy every day: It will change the world.&#8220; <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=78nsxRxbf4w\">Onlineressource<\/a>.<\/li>\n<\/ul>\n[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Foto: privat \u2013 diese Pflanze wurde mir von meiner Lebensgef\u00e4hrtin und Freundin f\u00fcr mein B\u00fcro geschenkt)Autor: Simon Mohn Dieser Artikel baut auf dem vorherigen (Organisationen anders erleben) auf, in dem Bedeutung und Sinn einer dankbaren und freigiebigen Haltung besprochen wird. 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